Geduld und Glück. Manchmal reagieren US-Fernsehsender nicht entlang gängiger Vorurteile und setzen Serien beim ersten Anzeichen einer Krise ab, sondern versuchen, eine Problemserie behutsam zu verändern auf neuem Sendeplatz zum Erfolg zu führen. FOX (mit Bones), TheCW (mit Supernatural) und CBS (mit Close To Home) hatten damit Erfolg – keine der einstigen Problemserien ist noch ernsthaft gefährdet.
„Close To Home“, von VOX derzeit als US-Erfolgsserie beworben und eben dort ab dem 9. Februar zu sehen, war zum Start der Serie keineswegs ein richtiger Erfolg. Die Serie rund um eine Staatsanwältin, die versucht, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen, konnte Dienstags abends keine für CBS befriedigenden Quoten einfahren. Daraufhin verschob man die Serie auf den angeblichen Serienfriedhof am Freitag Abend, wo es zwar ein wenig besser lief – die Verlängerung für eine zweite Staffel aber war keineswegs durch die Quoten abgesichert.
Doch die Serie und ihre Fans hatten Glück. Einerseits konnte CBS mit keiner anderen neuen Serie in den letzten Jahren so richtig durchschlagende Erfolge feiern, solange diese Serie nicht „CSI“ hieß, andererseits
kommt „Close To Home“ wie das „CSI-Franchise“ auch aus dem Hause Bruckheimer Television, also aus der Schmiede, de dafür verantwortlich ist, dass CBS die vergangenen Jahre als Marktführer beendete.
Doch ohne Veränderungen ging das nicht ab – hinter den Kulissen wurde ein Executive Producer ausgewechselt. Und vor der Kamera ließ man den Ehemann des Hauptcharakters sterben, verlagerte den Focus der Serie weg von Haus und Kind und hin zu Karriere und Crime und brachte außerdem mit dem einstigen „JAG“-Hauptdarsteller David James Elliott einen anscheinend hinreichenden Grund für viele, die Serie jetzt anzusehen. Eliott spielt einen Kollegen der Hauptdarstellerin und man versuchte, so viele Szenen wie möglich zu schreiben, in denen sein Charakter mit entblößtem Oberkörper gezeigt wird, was Eric Overmyer, der neue Executive Producer, auch offen zugibt. „Er [Elliott] ist ein Typ Mann, der bei den Frauen sehr gut ankommt, weshalb wir unser Bestes getan haben, um sei Hemd so oft wie möglich von seinem Körper zu bekommen, was aber ziemlich schwer war, da er ja einen Staatsanwalt spielt.“
Sex sells – zumindest als ein Faktor, denn mit einem Zuwachs von rund zwei Millionen Zuschauern im Schnitt pro Woche kommt „Close To Home“ mittlerweile auf 11 Millionen Zuschauer, so dass man sich regelmäßig in den Top 30 wieder findet – die dritte Staffel gilt als auf einmal als möglich.
Peter Roth, Präsident der Warner Bros. Studios, die „Close To Home“ und „Supernatural“ (co-)produzieren, sagt dazu „Serien, die sofort Hits sind, sind eine echte Seltenheit. Die meisten Shows starten auf einem neuen Sendeplatz und dann müssen wir die Zuschauer daran gewöhnen, sie zu sehen.“
Auch „Supernatural“ konnte am Anfang keine zufrieden stellenden Quoten einfahren – und auch hier gab es kräftige Eingriffe des Senders in die Serie. TheWB, der die Serie im vergangenen Jahr ausgestrahlt hatte, verlangte, dass die Serie einen ausgelasseren Tonfall bekommt als dies im Pilotfilm der Fall war. Die Autoren hingegen wollten eine philosophischere Ausrichtung der Serie und einen düstereren Ton erreichen und so
kam es zum ein oder anderen Zusammenstoß, den Eric Kripke, Erfinder und Executive Producer der Serie, im Nachhinein dennoch als „ziemlich freundschaftlich“ beschreibt.
Denn trotz der Tatsache, dass das Kreativteam und die Senderverantwortlichen immer wieder über Skripte und Storylines aneinander gerieten und trotz der Tatsache, dass meist das Kreativteam nachgeben musste, fand man doch ab und an kreative Wege, um dieser Sackgasse zu entkommen. „Der große Vorteil, den jeder Fernsehproduzent auf seiner Seite hat, ist der halsbrecherische Terminplan – und davon habe ich das ein oder andere Mal Gebrauch gemacht. Wenn wir ein Skript auf Grund der Storyvorschläge des Senders komplett zurück gezogen hättn, hätte die gesamte Produktion gestoppt werden müssen – und dafür gab es keine Zeit.“, so Kripke. So konnte trotz vorgeblichen Nachgebens des Kreativteams Manches in die Serie hinübergerettet werden.
Doch nicht nur der Eingriff des Networks, auch der Wechsel des Sendeschemas trug seinen Teil zum (verspäteten) Erfolg von „Supernatural“ bei. Anfangs hatte man die Serie nach dem Quotenhit „Gilmore Girls“ gezeigt, doch der arg unterschiedliche Tonfall der beiden Serien tat den Quoten von „Supernatural“ nicht gut. Kripke zog alle Register, um die Serie auf den Donnerstag zu bekommen – auf dem Sendeplatz nach „Smallville“. TheWB stimmte zu und tatsächlich erholten sich die Quoten von „Supernatural“.
Doch manchmal sollte man vorsichtig sein, was man sich wünscht, denn just dieser Donnerstagabend wurde in diesem Jahr zum Schauplatz eines beispiellosen Krieges zweier großer Networks: abc strahlt, wie schon oft erwähnt, seit diesem Jahr seine Hit-Serie „Grey’s Anatomy“ gegen CBS’ „CSI“ aus, so dass sich „Supernatural“ nun mit den erfolgreichsten Serien überhaupt messen muss. So konnte die Serie keine weiteren Zuschauergewinne verbuchen, obwohl das angesichts der Fusion von upn und TheWB eigentlich gewollt worden war. Dennoch kann man „Supernatural“ auch dieses Jahr als Erfolg ansehen, denn trotz zeitweise leichter Marktanteilsverluste konnte die Serie große Teile der Zuschauerschaft von „Smalville“ halten, was für die Senderverantwortlichen sehr wichtig ist. „Sie leisten wirklich gute Dienste. Ich weiß nicht, ob es irgendeine andere CW-Show gibt, die sich auf diesem Sendeplatz besser schlagen würde“, sagte Kelly Kahl, Programmchefin von TheCW.
Auch „Bones“ (in Deutschland „Bones – die Knochenjägerin“) schaffte nach einigen kleineren Veränderungen und einem Sendeplatzwechsel den Schritt zur Erfolgsserie. Die lose auf einem realen Leben einer Anthropologin und Autorin basierende Serie wurde zunächst vom Dienstag auf den Mittwoch Abend verlegt
und bekam in der zweiten Staffel noch einen weiteren Charakter – eine schöne Pathologin, die von Tamara Taylor gespielt wurde. (Sex sells…)
„Letzten Endes mögen wir die Serie und das zählt Einiges“, sagt Craig Erwich, Vizeprogrammchef bei Fox. „Solange man es im Kontext des restlichen Sendeschemas kann, hält man dann zu der Serie – wir haben drei Jahre lang zu „Arrested Development“ gehalten“ (und es letztlich zum Erfolg geführt, d. Verf.)
Mit 12,5 Millionen Zuschauern – dem zweithöchsten je von „Bones“ erreichten Wert – belohnte die Serie zuletzt die Geduld des Senders. „Wir haben schon sehr früh einige Hoffnungsschimmer für die Serie gesehen, so dass wir eine tiefe Verpflichtung fühlten, die Ärmel hochzukrempeln und die Serie am Leben zu erhalten“, sagt Dana Walden, Präsidentin von 20th Century Fox Television, der Produktionsgesellschaft von „Bones“.
Alle diese Serien sind Beispiele dafür, wie Serien mit Hilfe von einigen Justierungen erfolgreicher werden können – doch trotz der zuletzt gezeigten Zugewinne ist noch keine dieser Serien offiziell verlängert – man wartet hier noch ein wenig ab. Das liegt auch daran, dass es immer schwerer wird für Senderverantwortliche, mit irgendeinem Format Geduld zu zeigen. Denn es gibt tendenziell eher immer weniger Shows, die eine wirklich riesige Zuschauerschaft für sich gewinnen können, was daran liegt, dass sich der Markt, nicht zuletzt durch iPods und immer mehr Kabelkanäle, immer mehr diversifiziert. Dennoch gibt es – namentlich mit „Seinfeld“ und „Akte X“ – Beispiele dafür, dass auch aus anfangs problembehafteten Serien Riesenhits werden können.
„Die Programmverantwortlichen bei den Sendern haben zehn Serien mit schlechten Quoten und alle zehn Executive Producer dieser Serien werden ihnen versichern, dass sie die Wende in Sachen Quoten schaffen können“, sagt Tim Brooks, ein bekannter US-Fernsehhistoriker. „Und genau dafür werden die Anzugträger so gut bezahlt: Nun herauszufinden, welche dieser zehn schlecht laufenden Serien ihre Zuschauerschaft finden wird.“
Teichblick erscheint immer mittwochs bei u-kult.de – jetzt auch als Podcast. Zu den Quoten bei „American Idol“ gibt es derzeit bei Bedarf einen „Teichblick extra“ – jedoch nur bei besonderen Quoten, da es aus deutscher Sicht relativ unerheblich ist, ob ein Format in den USA zehn Zuschauer verliert oder gewinnt. Quoten – aus den USA und aus Deutschland – gibt es, powered by u-kult.de, auch monatlich bei SF-Radio TVision.
