NBC ist in Not und das sollte CBS zu denken geben. Nicht etwa, weil man Mitgefühl für einen Konkurrenten haben sollte, sondern weil NBC derzeit die Probleme hat, die CBS bevor stehen, wenn sie nichts ändern. Denn auch wenn es unpopulär scheinen mag: CBS sollte innerhalb der nächsten beiden Jahre mindestens zwei Bruckheimer-Crimeserien einstellen, um zu überleben.
Es ist noch nicht allzulange her, da dominierte NBC mit seinen Serien „Friends“ und „E.R.“ den US-amerikanischen TV-Markt – jedenfalls im Bereich der Fiktion. Noch in der TV-Season 1999/2000 waren die beiden Formate mit durchschnittlich 24,9 Millionen Zuschauer (ER) bzw 21,0 Mio Zuschauer die beiden meistgesehenen Programme (hinter „Wer wird Millionär“) der USA. Dahinter folgte übrigens mit „Frasier“ ein weiteres NBC-Programm.

Sowohl „Frasier“ als auch „E.R.“ siechten in den Jahren danach immer mehr dahin – nie wirklich erfolglos aber doch weit entfernt vom Glanz früherer Tage. Beide Formate belegten dennoch wichtige Sendeplätze auf NBC – Sendeplätze, die einst von den anderen Stationen erst gar nicht angegriffen wurden, jetzt aber anderen Networks zusehends Erfolge brachten. So kam es eines Tages, dass „Without A Trace“ auf CBS das Flaggschiff „E.R.“ überholte – zuerst nur einmal, dann immer wieder und schließlich regelmäßig. „Frasier“ endete ebenso wie „Friends“ und NBC war nicht in der Lage, ein Nachfolgeformat ähnlicher Güte zu bringen. Auch die altgedienten und lange unangreifbaren Formate der „Law & Order“-Familie wurden zusehends erfolgreich von den anderen Stationen bekämpft – in der aktuell zu Ende gegangenen Season war dann auch eines der letzten verbliebenen Flaggschiffe „Crossing Jordan“ vom Sinkflug betroffen.
Seriensiechtum führt zum Sinkflug des Senders
Seitdem befindet sich der Sender im Sinkflug – die einstige Marktführerschaft ist längst dahin und sowohl bei den Gesamtzuschauern wie auch bei den 18-49jährigen landete der Sender bereits das zweite Jahr in Folge auf Rang vier – also auf dem letzen Platz der „großen Networks“. Und aus dieser Position heraus ist es unglaublich schwer, wieder nach oben zu kommen, denn es fehlt das Umfeld, in dem man für eine Serie werben kann, eine Spirale nach unten setzt ein. Viele Medienbeobachter hatten NBC deshalb schon im vergangenen Jahr zum radikalen Schnitt geraten, der aber ausgeblieben war – in der kommenden Season kommt er nun wenigstens mit halber Kraft. Denn „Crossing Jordan“ und „Law & Order: Criminal Intent“ werden nicht mehr fortgeführt – jedenfalls nicht mehr auf NBC.
NBC hat mittlerweile keine einzige Serie mehr in den Top 10 der meistgesehenen Serien – praktisch kein Format konnte im vergangenen Jahr zulegen. Der wahrlich einzige Lichtblick in diesem Dunkel ist die Newcomerserie „Heroes“, die aus dem Stand fast 14,0 Millionen Zuschauer im Schnitt überzeugen konnte. Ansonsten macht der Blick auf die NBC-interne Hitliste wenig Freude – es folgen hinter „Heroes“ auf den Plätzen zwei bis fünf: „Law & Order: SVU“, „E.R.“, „Law & Order: Criminal Intent“ und „Law & Order“ – alles Serien, die ihren Zenit längst hinter sich haben. Der konservative Weg wäre nun gewesen, erst die Formate einzustellen, die es nicht in die Top 10 des Networks geschafft haben – der radikale Schnitt wäre der gewesen, alle gealterten Serien aus dem Programm zu werfen.
Fehlender Mut bei NBC
Aus Sicht eine Fans wäre das Ende von „ER“, dem gesamten „Law & Order“-Franchise, „Las Vegas“ und „Crossing Jordan“ natürlich (abgesehen von der Möglichkeit, auf einem kleineren konzerneigenen Sender fortgeführt zu werden) bedauerlich – aus Sicht des Networks ein nötiger Befreiungsschlag. Denn es ist schon bedenklich, wenn ein Kabelsender wie TNT mit gerade mal halb so vielen angeschlossenen Haushalten mit seiner Crimeserie „The Closer“ in der gleichen Quotenliga spielt wie NBC mit seinen Law & Order-Serien (außer SVU).
Im Hause NBC hat man sich aber für einen Mittelweg entschieden und nur wenige altgediente Serien in den Ruhestand geschickt. Außer bei „Heroes“ (wo sich jede Prognose verbietet) ist deshalb bei allen Formaten von NBC davon auszugehen, dass sie im kommenden Jahr erneut mindestens leicht unter ihrem Seasonschnitt dieses Jahres kommen werden. Serien wie die beiden verbliebenen „Law & Order“-Serien, „Las Vegas“ oder auch „Medium“ belegen aber weiterhin prominente Sendeplätze – also werden die anderen Networks zu diesen Zeiten davon profitieren, dass NBC schwächelt. Zuschauer, die aber dann eine ganze Season lang bereits eine andere Serie – auf CBS, abc oder FOX – geschaut haben, sind im übernächsten Jahr nur schwer zurück zu gewinnen.
Es wäre also angeraten gewesen, rund um Heroes ein generalüberholtes Programm auf die Beine zu stellen und dabei zwar manch eine „altgediente Serie“ als Backupprogrammierung in der Hinterhand zu behalten, grundsätzlich aber gnadenlos zu experimentieren. Mutige Formate sind allerdings in der kommenden Season nach heutigem Wissensstand Mangelware und so könnte es zwar passieren, dass sich das Remake der „7-Millionen-Dollar-Frau“ zu einem ähnlichen Hit wie „Heroes“ mausert – insgesamt ist NBC aber erneut ein sicherer Tip für den vierten Platz unter den Networks.
Die Konsequenzen für CBS
Was das Ganze mit CBS zu tun hat? Nun, deren Bruckheimer-Crimeserien begannen im vergangenen Jahr ebenfalls zu altern – insbesondere die drei „CSI“-Serien. Da „Bruckheimer-Crime“ aber fünf prominente Sendeplätze belegt, sollte CBS dringend in der Midseason der kommenden Fernsehsaison auf dem Sendeplatz mindestens einer der drei „CSI“-Serien sowie von „Without A Trace“ oder „Cold Case“ Formate ausprobieren, die dann im kommenden Herbst ersatzweise an deren Stelle laufen können. Das würde zwar eine harte Entscheidung werden und bei vielen Fans angesichts des nach absoluten Zahlen anhaltenden Erfolgs dieser Serien auch auf Unverständnis stoßen, aber es ist der einzige Weg, der verhindert, dass CBS in sieben Jahren da steht, wo NBC heute ist.
