Olivias dritter Streich

von Matthias Pohlmann am 27. September 2009

Olivia Ruiz - Miss MétéoresOlivia Ruiz – in der allerersten Star Academy 2001 im Halbfinale an der späteren Siegerin Jenifer gescheitert, legte ihr mittlerweile drittes Album vor – “Miss Météores”. Nach “La femme chocolat” lagen die Erwartungen an das dritte Opus natürlich ziemlich hoch – vielleicht zu hoch. Denn betrachtet man das Album “Miss Météores” für sich alleine, so ist es ein richtig gutes Album geworden. Eine gleichermaßen begeisterte Reaktion wie der Vorgänger allerdings ruft es (bei mir) nicht hervor.

1.) Die Phase der Vorfreude

Die Vorfreude auf “Miss Météores” begann eigentlich bereits mit der Entdeckung von “La femme chocolat” – denn nach dem Genuss dieses Werkes war man zumindest darauf gespannt, was denn als Nächstes kommen würde. Ganz ohne Bedenken verlief allerdings auch schon diese Phase nicht so ganz ab, die Fragen, die von Anfang an im Raum standen, waren: “Wird Olivia Ruiz die Messlatte, die sie mit ihrem zweiten Album extrem hoch gelegt hat, nicht zwangsläufig reißen müssen?” und “Kann man den Nachfolger eines kreativ so überraschenden Albums wie ‘La femme chocolat‘ überhaupt fair bewerten?”. Bezüglich der zweiten Frage stelle ich das jedem Leser anheim, sich ein Bild davon zu machen, ob hier Fairness gelungen ist – die erste Frage stelle ich bis zur Gesamtbewertung erstmal zurück.

2.) Der erste Eindruck

Der erste Eindruck von “Miss Météores” ist: “Es ist unverwechselbar Olivia Ruiz“. So kurz und knapp lässt sich das Gefühl zusammen fassen, das nach dem ersten Anhören des Albums zu spüren war. Das ist ja nicht der unvorteilhafteste erste Eindruck, den man haben kann – allerdings das “Wow” als Reaktion auf das erste Hören (wie bei “La femme chocolat” oder noch mehr bei Kaye ReesEndless Melody), dieses “Wow” gab es dieses Mal nicht. Liegt die Faszination von “Miss Météores” also vielleicht im Detail? Weitere Durchläufe würden es zeigen…

3.) Der kritische Blick

Wie schon der Vorgänger ist “Miss Météores” dreisprachig – französisch, englisch und spanisch – wobei es dieses Mal lediglich ein einzelnes spanischsprachiges Lied auf dem Album gibt. Auch das Team rund um das Album wurde beibehalten – erneut ist Olivia Ruiz an (fast) allen Songs als Autorin und/oder Komponistin beteiligt – ebenso wie sich in den Credits wie beim Vorgänger die Namen Mathias Malzieu (ihr Lebensgefährte und Sänger der Gruppe Dionysos) und Didier Blanc (Olivias Vater). Das Album macht beim Hören viel Spaß, es soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass “Miss Météores” keineswegs Musik für jede Lebenslage ist. Wer beispielsweise gerade entnervt ist, könnte Schwierigkeiten haben, sich auf diese Musik einzulassen. Musikalisch bringt “Miss Météores“, was die Grundausrichtung der Songs angeht, im Vergleich zum Vorgänger nichts bis wenig Neues: Es bleibt eine Mischung aus Chanson und Rock mit den “ruizspezifischen” Eigenheiten interessanter Instrumentation. Eine platte Kopie von “La femme chocolat” ist “Miss Météores” dennoch nicht – en détail unterscheiden sich die Songs durchaus.

4.) Haarspalterei (überspringen)

Elle panique à l’idée d’en faire trop

De vieillir prématurément

Elle panique à l’idée d’être trop

ou de s’ennuyer un instant

Elle panique“, der erste Streich auf diesem Album, ist gleich typisch Olivia Ruiz. Man mag ihre sehr eigentümliche Art zu singen – oder eben nicht. Man mag ihre schrägen Texte – oder eben nicht. Und man mag ihre manchmal unkonventionellen musikalischen Ideen – oder eben nicht. In allen Fällen zähle ich mich zur erstern Gruppe – und insofern gefällt mir auch dieser Song, bei dem sie Musik (zusammen mit Mathias Malzieu) und Text selbst verfasst hat. Der Song hätte stilistisch auch wunderbar auf “La femme chocolat” gepasst – das muss ja aber beim Einstieg in ein neues Album kein Nachteil sein.

Allez reviens à la maison

j’te ferai des crèpes aux champignons

Allez rentre ce soir

promis je ferai tous tes devoirs

Les crèpes aux champignons” – vom gleichen Team wie das vorige Lied geschrieben – hier merkt man aber den Einfluss Malzieus, dessen Hintergrund ja eher Rock ist, in der Musik deutlich mehr als beim vorigen Song. Auch hier gilt, dass der Song auf “La femme chocolat” alles andere als ein Fremdkörper gewesen wäre – bis hierher hat Olivia Ruiz also das Vorgängeralbum schlicht fortgesetzt. Schlecht ist das nicht, aber eben auch nicht überragend innovativ. Und Innovation erwartet man von ihr eben schon etwas mehr als von anderen.

Je suis là, lasse de t’effleurer

tu me donnes beaucoup mais ce n’est pas assez

je ferai pousser des fleurs dans mes cheveux

je me ferai belle à t’en crever les yeux.

Mit „Belle à en crever” haben wir das dritte Lied in Folge, das vom Team Ruiz/Mathieu geschrieben wurde – und auch das dritte Lied in Folge, das sich auf “La femme chocolat” ebenfalls gut eingefügt hätte. Mittlerweile stellt sich ein gewisses Déjà-vu (in diesem Fall eher ein “déjà-écouté“) ein – würde man das Album “nebenher” hören, so bin ich mir ziemlich sicher, dass man bis dahin nicht merken würde, dass es das dritte – und nicht das zweite – Album von Olivia Ruiz ist.

I have to spit the devil

who is lying through my throat,

I have to spit the devil

he drinks my brain with a straw,

he smokes my vocal cords

Spit the devil“, das erste englischsprachige Stück auf “Miss Météores“, dieses Mal stammt die Musik ausschließlich von Mathias Malzieu – und dieses Mal ist Olivia Ruiz lediglich Co-Autorin des Textes, an den Mathias Malzieu ebenfalls Hand angelegt hat. Und auch wenn der Text durchaus Spaß macht, so erinnert mich dieses Lied viel zu sehr an “I need a child” vom Vorgängeralbum. Waren die vorigen Songs stilistisch einfach ähnlich wie die Lieder auf “La femme chocolat” entsteht hier doch der Eindruck der konkreten Wiederholung eines einzelnen Liedes des Vorgängers. Für sich genommen ist dieser Song wiederum gut – nach “I need a child” aber hätte man sich doch ein wenig mehr Unterscheidung gewünscht.

Mais ça monte, ça lutte, ça me saisit

ça tire, ça brûle, ça jaillit.

mais ça monte, ça lutte, ça me saisit

ça tire, ça brûle, ça jaillit.

Les météores“, das er Song, der einem “Titelsong” des Albums am Nächsten kommt, bringt “Miss Météores” auf frankophonen Boden zurück. Malzieu und Ruiz haben hier in gleicher Verteilung wie bei den ersten drei Tracks zusammen gearbeitet – und heraus gekommen ist ein sehr ruhiger, sehr angenehmer Song. Gefühlsmäßig, ohne das an irgend etwas Konkretem fest machen zu können, ist dies bis dahin auch der Song, der sich am Meisten von den Liedern des Vorgängeralbums absetzt. Und es ist der erste Song, den ich mir aus reinem “Spaß an der Freud’” gleich ein zweites Mal angehört habe.

Mon petit à petit

quitte la tour d’ivoire

je passe toutes les nuits

cachée dans son armoire

„Mon petit à petit” – unterstützt von der Band “Les noisettes” – bringt wieder rockigere Klänge zum Vorschein. Wobei sich – unter Berücksichtigung des Vorgängeralbums – duchaus sagen lässt, dass “Rock à la Olivia Ruiz” (oder auch à la Mathias Malzieu) einem gewissen musikalischen Grundmuster zu folgen scheint. Das ist nichts extrem Negatives. Aber es verhindert natürlich auch einen “Aha-Effekt” beim Hören. Textlich gibt es hier – wie an allen Vorgängersongs – nichts auszusetzen, das ist Olivia Ruiz pur und macht einfach Spaß.

When the night comes

when the night comes

when the night comes

„When the night comes” ist das erste Duett auf “Miss Météores” – mit “Lonely Drifter Karen“, die das Lied auch getextet hat . Es ist das erste Lied dieses Albums, an dessen Entstehung Olivia Ruiz nicht beteiligt war – Input von außen also. In den musikalischen Details merkt man das auch – beim oberflächlichen Hören hingegen geht „When the night comes” auch als Olivia-Ruiz-Song durch. Denn musikalisch folgt es dem typischen Weg: Man nehme das Grundarrangement eines (beispielsweise) traditionellen Chansons und verfremde es. Und man wage dabei durchaus hier und da auch mal die ein oder andere Dissonanz. Macht Spaß, wenn man in der richtigen Stimmung dafür ist – wenn nicht, sollte man die Finger (besonders in diesem Fall) davon lassen.

Le saule pleurer se meurt

de l’eau de mauvaise foi

versée par l’arroseur

arrosée cette fois

„Le saule pleureur” ist wiederum ein Duett – dieses Mal mit Toan (Anthony Blanc, Olivia Ruiz‘ kleinem Bruder), der zusammen mit Olivia auch den Text dieses Songs verfasst hat. Typisch Olivia Ruiz, mag man hier (erneut) sagen. Durchaus positiv gemeint – das Album macht ja bis hierher jede Menge Spaß, aber der “Extra-Kick” ist bis dahin einfach noch nicht passiert.

Quédate conmigo abuela

¡Quédate! viejo griasol

¡Quédate! el olivo es eterno

¡Quédate! Naranja tiene color del sol

¡Quédate!

Nach dem kleinen Bruder ist nun der Vater – Didier Blanc – dran, seinen Beitrag zum Album zu leisten – mit „Quedate”, dem ersten und einzigen spanischsprachigen Song auf “Miss Météores“. Und man fühlt sich unweigerlich an “Quijote” vom Vorgänger erinnert. Wieder so ein Fall, bei dem man sich fragt, ob vielleicht beide Songs gleichzeitig entstanden sind und man diese einfach auf zwei Alben verteilt hat, weil sie sich zu ähnlich anhören…

La mam ne fume plus

elle me l’a dit ce soir

moi qui n’y croyais plus

j’ai les poumons gonfles d’espoir

ça ne fait que trois jours

mais elle tient bien le coup

elle manque un peu d’amour

mais c’est à peu près tout

La mam” raucht also nicht mehr. Und wird von Olivia im Refrain dann mit “Bravo Mummy, I smoke for you. Brave honey, you will die before me” bedacht. Hier hat man wieder – trotz Verwandtschaft – mehr das Gefühl, etwas wirklich Neues von Olivia Ruiz serviert zu bekommen. Auch angesichts der Sprachenmischung. Und angesichts des herrlich unkorrekten Textes ist dies hier mein klarer Favorit auf “Miss Météores“. Und das erste Lied, das gleich mehrfach “freiwillig” wiederholt wurde. Einfach, weil’s Spaß macht.

Call me. Don’t call me Madam

Call me. Don’t call me, Madam.

„Don’t call me Madam” (zum hier zitierten Ende des Songs je einmal mit und einmal ohne Komma vor “Madam” geschrieben), ist eine Fremdkomposition von “Coming Soon“, einer Folk-Rock-Gruppe aus Frankreich, die hier auch beim Einspielen mit von der Partie war. Erneut gibt es etwas Neues. Klar, durch den speziellen Singstil von Olivia Ruiz klingt es auch wieder “bekannt” – aber hier sind andere Instrumente am Start als sonst, das Lied kommt einfach frisch und neu daher – und reiht sich knapp hinter dem Song davor auf der Beliebtheitsliste ein. Wieder ein Song mit hohem Wiederholungsfaktor.

Dansez pépites de peur, dans mon ventre

grouillez, je m’ensomeille

et maman vielle

„Peur du noir”, der vorletzte Track und letzte frankophone Song auf dem Album, stammt wieder aus der bewährten Coproduktion von Olivia Ruiz (Text und Musik) und Mathias Malzieu (Musik). Zeitweise im Sprech- bzw. Flüstergesang bietet auch dieses Lied mehr Neues als alle zu Beginn des Albums, ohne dass Olivia Ruiz sich hier nicht mehr treu wäre. Auch wieder ein Song mit hohem Wiederholungsfaktor – und Platz 3 auf der persönlichen Beliebtheitsliste.

My man was long gone

and so was the kingdom

now they came to take the queen

„Eight o´clock” - eine erneute Komposition von “Coming Soon“, diesmal aber von Olivia Ruiz und ihrer Band alleine eingespielt – beschließt “Miss Météores“. Klavierlastig ist hier der vierte Song in Folge zu hören, der (jedenfalls so) auf “La femme chocolat” nie zu hören war. Im Zusammenspiel mit den drei Songs davor ist dieses Lied der Grund dafür, dass “Miss Météores” durchaus als eigenständiges Werk und eben nicht als simple Kopie (und bei einem Drittel wirklich Neuem auch nicht als simple Fortsetzung) des Vorgängeralbums angesehen werden kann.

5.) Fazit (doch lieber Haare spalten?)

Acht von zehn13 Songs umfasst „Miss Météores” – 13 Mal unverwechselbar Olivia Ruiz. 13 Mal durchaus spannende Dinge – und doch bleibt (jedenfalls bei mir) hier und da das Gefühl, der ein oder andere Song (insgesamt acht bis neun der 13) könnte auch schon bei der Entstehung von “La femme chocolat” entstanden sein, habe es damals nicht auf das Album geschafft und wurde nun “verbraten”. Ob das so ist, wird man wohl nie erfahren – es ist aber Grund genug (für mich), mir hier über eine Bewertung “9 plus” keine Gedanken zu machen. Die eingangs gestellte Frage, ob Olivia Ruiz die Messlatte von “La femme chocolat” nicht schon zwangsläufig mit “Miss Météores” reißen müsse, wird (von mir) nämlich mit einem “Irgendwie schon” beantwortet – auch wenn, wie bereits gesagt “Miss Météores” ein durchaus gutes Album ist. Und es langer Überlegung bedurfte, ob es nicht einen halben Punkt höher bewertet werden müsste. Dieser halbe Punkt wurde “Miss Météores” möglicherweise eben von den Eindrücken aus “La femme chocolat” mehr oder weniger gestohlen. Und ob das nun unfair oder gerade fair ist, mag jede/r für sich beantworten.

Diesen Post drucken Diesen Post drucken

Diesen Artikel kommentieren:


3 − 1 =

VIDEO

TAG CLOUD

© 2006-2012 u-kult.de, das Internetfeuilleton | powered by WordPress