Nicht angekommen

von Matthias Pohlmann am 8. November 2009

Hair am Nationaltheater in Mannheim, Bild (c) Christian KleinerDie Musicalproduktion Hair aus dem Staatstheater Kassel ist seit gestern ins Nationaltheater Mannheim “umgezogen”. Die gestrige Premiere war Grund genug, sich das Werk – mit größtenteils gleichem Ensemble und einigen Änderungen im Detail – erneut genauer anzusehen. Leider bleibt dabei aber festzuhalten, dass “Hair” in Mannheim (noch?) nicht (ganz) angekommen zu sein scheint,  es einige berechtigte Unmutsbekundungen aus dem Publikum bereits während der Pause gab – das aber nicht wegen eines schlechten Ensembles.

Es wäre auch seltsam, wenn das im Großen und Ganzen gleich gebliebene Ensemble durch den Umzug von Kassel nach Mannheim auf einmal schlecht geworden wäre. Und dem ist natürlich auch nicht so. Es ist nach wie vor so, dass es eine pure Freude ist, einer vor Spielfreude und Energie nur so sprühenden Peggy Pollow in der Rolle der Jeannie auf der Bühne zuzusehen (und -hören). Und es ist natürlich auch nach wie vor so, dass man sich mit Freude auch nach der Vorstellung noch gut an Alvin Le-Bass in der Rolle des Hud erinnert. Nach wie vor muss Judith Lefeber als Dionne nur anfangen zu singen und man hat eine Gänsehaut, wie sie – wenn überhaupt – nur wenige zu verursachen vermögen. Und glücklicherweise singt sie – wie könnte es anders sein – auch in der Mannheimer Ausgabe von “Hair” (insbesondere im zweiten Akt) relativ häufig.

  • Die Veränderungen am Stück selbst

Im Vergleich zur Premiere in Kassel gab es manche Umstellung. So wurde Judith Lefeber um manche Zeile “erleichtert” – über den Sinn dieser Änderungen kann man an der ein oder anderen Stelle sicher streiten – aber es ist keineswegs ein Grund für die Diagnose, dass “Hair” in Mannheim (hoffentlich nur “noch”) nicht angekommen ist.

Weder ein Grund, “Kochheims Hair 2.0” in Bausch und Bogen zu verdammen, noch einer, in Jubelstürme auszubrechen, ist auch die Entscheidung, die Geschichte Sharon Tates jetzt auf Deutsch statt auf Englisch zu erzählen. Es nimmt dem Stück zwar ein wenig Flair – ist aber anscheinend ein notwendiger Kompromiss im Hinblick auf doch mangelnde Englischkenntnisse breiter Besucherkreise.

Uneingeschränkt zu loben ist die markanteste Änderung, nämlich die, den Song “Where do I Go?” vom Schluss des ersten Aktes (fast) an den Anfang (in die erste Szene bei Bukowskys zu Hause) zu ziehen. Hier wirkt der Song deutlich stärker und gibt der Szene auch mehr Gewicht.

  • Die Änderungen im Ensemble: Licht und Schatten

Einige Rollen wurden im Vergleich zur Premiere in Kassel neu besetzt – hier halten sich Licht und Schatten die Waage. So ist beispielsweise die neue “Chrissy” in Person von Rebecca Stahlhut mit einer wunderbaren Bühnenpräsenz und einer sehr schönen Stimmfarbe ausgestattet – also eindeutig ein Fall von “Licht”.

Hair am Nationaltheater in Mannheim, Bild (c) Christian KleinerLeider eher dem Bereich “Schatten” zuzurechnen sind die beiden neuen “SupremesJennifer Sarah Boone (bereits in Kassel neben Tertia Botha in dieser Rolle besetzt!) und Gina Marie Hudson. Dass am Rande der Premierenfeier gesagt wurde, dass Jennifer Sarah Boone bei der letzten Vorstellung (nach der Wiederaufnahme) in Kassel eine deutlich bessere Performance abgegeben habe, soll hier nicht unerwähnt bleiben – für die Premiere in Mannheim und deren Beurteilung hilft es aber wenig – hier bleibt festzuhalten, dass beileibe nicht jeder Ton 100%ig saß und sie auch von Volumen und Stimmfarbe her die “Originalbesetzung” in Kassel (Tertia Botha) ebenso wenig ersetzen konnte wie Gina Marie Hudson (an diesem Abend) Dionne Wudu vergessen lassen konnte. Das kann zumindest bezüglich des Volumens (und ein Stück weit auch bezüglich der “Treffsicherheit”) durchaus mit dem (unten folgenden) Hauptkritikpunkt des Abends zusammen hängen – was die Zusammenstellung der Stimmfarben angeht aber erreichen die drei einfach nicht die nahezu “französische” Perfektion, die Tertia Botha und Dionne Wudu zusammen mit Judith Lefeber erreicht hatten (“französisch” sei die Perfektion hier deshalb genannt, weil man bei den Musicals auf der anderen Rheinseite fast immer das Gefühl hat, dass es das Allerwichtigste beim Casting der Rollen ist, dass die Stimmen sich perfekt ergänzen). Kurzum: Dionne Wudu und (insbesondere) Tertia Botha wurden an diesem Abend schmerzlich vermisst.

Hair am Nationaltheater in Mannheim, Bild (c) Christian KleinerEin ganz besonderes großes “Licht” sei – last but not least! – hier für das Casting von Markus Schneider als Claude vergeben (allerdings ist er ebenfalls kein echter Neuling, war er doch schon in Kassel neben Kai Hüsgen als Claude besetzt). War schon Kai Hüsgen in Kassel richtig gut so reißt einen Markus Schneider von den Sitzen. Eine tolle Stimme, ein tolles Spiel – der Mann hat Begeisterung entfacht.

  • Die Tontechnik: Ein Ärgernis

Der Hauptgrund, warum man “Hair” in Mannheim als “nicht angekommen” bezeichnen muss, war an diesem Abend die Tontechnik. Die nämlich war nicht nur schlecht, sondern schlicht unterirdisch. So wurde im ersten Akt praktisch jeder Gesangseinsatz verschlafen, so dass man den Beginn der Songs schlicht nicht hörte. Außerdem stimmte die Abmischung überhaupt nicht – sobald die Band mehr als nur leise Begleitung ablieferte, war es vorbei mit der Möglichkeit, die Stimmen klar zu hören.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da sieht man überragend gute Leute wie Markus Schneider und Judith Lefeber auf der Bühne, wie sie sich die Seele aus dem Leib singen – nur kommt im Saal beim Publikum davon praktisch nichts an – “dank” der Tontechnik, die gleichzeitig übrigens auch nicht in der Lage war, (eigentlich) gerade nicht nötige Mikrofone konsequent auszuschalten, so dass zusätzlich zur unsäglichen Abmischung noch “Störgeräusche” kamen. Man kann nur von Glück sagen, dass es immer wieder Szenen gab, in denen die Sängerinnen und Sänger direkt am oder vor dem Orchestergraben standen, so dass man sie “live” und nicht über die Anlage hören konnte – sonst wäre an diesem Abend möglicherweise noch manch andere(r) – unverschuldet – im Bereich “Schatten” gelandet.

Dass die Anlage dann auch noch bei der eingespielten Rede Martin Luther Kings schepperte, war hier nur “die Kirsche auf dem Kuchen”.

Nun konnte man am Rande der Premierenfeier erfahren, dass die Tonanlage wohl relativ neu, das Mischpult erst wenige Tage alt ist. Das mag eine Erklärung für die Probleme sein – nur: Der 7. November war keine öffentliche Generalprobe, sondern eine Premiere. Da saßen also viele Leute, die teilweise über 60 Euro (wenn nicht gar über 80 Euro) in eine Karte investiert hatten. Und die muss es nun wahrlich nicht interessieren, warum die Tontechnik an diesem Abend eine solche Nichtleistung abgegeben hat – für die ist alleine entscheidend, dass es so war. Und so kann man durchaus verstehen, dass bereits in der Pause in den Gesprächen vor dem Theatersaal und draußen von “Frechheit” die Rede war. Oder von Eiern, die man für die Tonabteilung hätte mitbringen sollen. Und das waren die freundlicheren Kommentare – mindestens vier Personen aus dem näheren “Sitzumkreis” des Verfassers verließen die Vorstellung auf Grund des Tons übrigens zur Pause (was insofern schade war, als sie durchaus hätten eine – wenn auch nicht ausreichende – Steigerung nach der Pause erleben können).

Endgültig verschaukelt muss sich dann mach einer vorgekommen sein, als man sich auf der anschließenden Premierenfeier nicht zu schade war, seitens der Verantwortlichen die Tontechnik auch noch ausführlich(er als manch anderen) zu loben. Glaubwürdigkeit geht jedenfalls anders.

  • Das Ambiente: Anti-Hair

Wären die großen Tonprobleme nicht gewesen, so wäre es vielleicht eine kaum der Erwähnung werte Randnotiz – so aber passt es ins Bild von “nicht angekommen”:

Als man zur Premiere im Staatstheater Kassel eingetroffen war, so hatte man im Foyer einen Flower-Power-Käfer stehen sehen. Überall waren “Peace”-Zeichen aufgehängt, es gab einen “60er-Jahre-Kostüm-Wettbewerb” auf der anschließenden Premierenfeier. Da konnte man mit Fug und Recht sagen, hier wurde “Hair” geatmet, hier wurde “Hair” gelebt und es wurde dem Publikum auch drumherum die “Hippie-Kultur” näher gebracht.

Ganz anders der Fall in Mannheim: Absolut nichts am oder im Theater hatte irgendetwas mit “Hair” zu tun – die Hippies mussten hier im Theatersaal bleiben und die anschließende Premierenfeier ohne jede Musik an “hübsch” aufgereihten Vierer-Tischchen im noblen Theatercafé – naja, was dazu wohl Hippies gesagt hätten? Dass “Hair” im Mannheimer Theater so ganz angekommen ist, konnte man hier jedenfalls auch nicht fest stellen. Schade eigentlich. Denn so bleibt das Fazit im Telegrammstil: Ensemble größtenteils toll, (insbesondere) Peggy Pollow, Markus Schneider und Judith Lefeber (letztere taucht seltsamerweise übrigens auf keinem einzigen Foto des Programmhefts auf) überragend, Tontechnik (buchstäblich) zum Davonlaufen – und “Hair-Flair” drumherum nirgends zu sehen.

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17 Responses to “Nicht angekommen”

  1. Mistel sagt:

    Sehr schade. Hoffentlich konntest Du Judith etwas trösten, sie dürfte bestimmt ziemlich sauer gewesen sein.
    Daß dann zu allem Überfluß auch noch das Drumherum nicht gepaßt hat, wirft die Frage auf, warum sich das Theater überhaupt dieses Musical antut, wenn die mit der Thematik offenbar nichts am Hut haben. Wenn ich da an Kassel denke, die hatten sich echt was einfallen lassen, von der Deko bis zu den Smarties-Tütchen (Rauschmittel *gg*).
    So eine verpatzte Premiere spricht sich natürlich herum, das dürfte sich auch negativ auf die Besucherzahlen der nächsten Shows auswirken, und für die Darsteller wiederum ist es ziemlich demotivierend, wenn da nur paar vereinzelte Hanseln im Saal sitzen.

  2. Matthias Pohlmann sagt:

    Naja, zumindest ist es so, dass die Probleme welche sind, die man in den Griff bekommen kann, so man denn will – insofern ist auch für Hair in Mannheim noch nicht “Hopfen und Malz verloren”. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt… (und das Ensemble hätte eine anständige Tontechnik mehr als verdient…)

  3. Anonymous sagt:

    bitte diese Kritik unbedingt ans Nationaltheater Mannheim weiterleiten. nur so wird sich hoffentlich etwas verändern. man spricht gegen wände…

  4. Matthias Pohlmann sagt:

    wird gemacht ;)

  5. Christian Kleiner sagt:

    Schön wäre es auch, wenn man schon Bilder veröffentlicht ohne Honorar zu zahlen, wenigstens die Credits anzugeben.

  6. Matthias Pohlmann sagt:

    Sorry, ich weiß nicht, wo das Problem liegt. Sowohl im Impressum als auch in jedem Bildtext sind die Credits angegeben – so wie sie von der Presse-CD entnommen wurden.

  7. Ralf sagt:

    Danke für diese Kritik. Sie spricht mir aus der Seele!

  8. Dr. Juhk sagt:

    Sehr geehrter Herr Pohlmann, ich möchte Ihnen herzlichst zu ihrer Rezension gratulieren – besser kann man das einfach nicht ausdrücken.

  9. Hanni und Nanni sagt:

    Da wollen wir uns nur anschließen…Die Kritik hätten wir auch nicht besser formulieren können. Die Premiere in Kassel hat uns definitiv viel besser gefallen! Nichtsdestotrotz bleibt zu ergänze, dass auch Christof Maria Kaiser, der Dance Captain Herr Geororgopoulosund allen voran Hendrik Wager als Burger eine hervorragende Leistung brachten, die hier leider überhaupt nicht gewürdigt wurde.
    Alles in allem war es aber trotzdem ein toller Abend und eine schöne Show, die besonders bei der Zugabe die Leute zum mitmachen bewegte und allseits gute Laune verbreitete!!

  10. Matthias Pohlmann sagt:

    Danke für die Blumen ;) Bezüglich Hendrik Wagner und Christof-Maria Kaiser möchte ich aber insofern widersprechen, als ich bereits in der Kritik zur Kasseler Premiere die beiden ausdrücklich gelobt habe – und hier dann nur beispielhaft drei genannt habe, die (wie alle anderen) nach wie vor so gut sind wie in Kassel. Das sollte nicht bedeuten, dass die Leistung der nicht erwähnten Künstler nicht einer Würdigung Wert wäre ;)

  11. Dr. Juhk sagt:

    Frau LeFeber erschien mir gegenüber bei der anschleißenden Premierenfeier sehr unfreundlich – ganz im Gegensatz zu Kassel. Außerdem betonte Herr Kaiser, dass es ja in Kassel eigentlich viel schöner war. Wir wollen seinem Urteil trauen und hoffen, dass sich das Nationaltheater die Kritik zu Herzen nimmt.

  12. Matthias Pohlmann sagt:

    Also eine unfreundliche Judith Lefeber habe ich persönlich noch nie erlebt – auch nicht am Mannheimer Premierenabend. Soweit ich sie da erlebt habe, war sie sehr herzlich.
    Und ja, Kassel war viel schöner.

  13. J. Friesel sagt:

    Eine Besprechung, der man in jedem einzelnen Punkt nur zustimmen kann. Hoffentlich nehmen sich die Mannheimer die Kritik zu Herzen. Immerhin war wenigstens während der Zugabe der Ton in Ordnung, da sich da die Sänger ganz vorne befanden.

    Danke auch, dass mal jemand erwähnt, dass Frau Botha und Frau Wudu nicht adäquat ersetzt wurden.

  14. R. Hauser sagt:

    Eine Besprechung, die mitten ins Schwarze trifft. Gratulation. Hoffentlich bewirkt das eine erhöhte Anstrengung – und mehr Aufmerksamkeit für die technische Seite – seitens der Mannheimer Verantwortlichen.

  15. M. Hoffmann sagt:

    Wir waren am 14.11. in Hair im Mannheimer Nationaltheater und müssen sagen, dass hier alles gestimmt hat. Da wir ausgesprochene Musical-Fans sind, waren wir von Anfang an stimmungsmäßig voll dabei und mit der Zeit taute auch das übrige Publikum nach und nach auf. Alles in allem war es eine grandiose Aufführung!

  16. Dr. Juhk sagt:

    Ich würde gerne wissen, wie die weiteren Vorstellungen verlaufen sind (sind sie überhaupt schon verlaufen?).

  17. Harry sagt:

    Also ich habe bereits beide Vorstellungen in Mannheim gesehen und muss sagen, dass die Cast einen echt super Job macht. Wer sich ein bisschen mit der Theaterwelt auskennt merkt schnell, dass einzig und allein der sehr schlecht Ton den Abend zu einer kleinen Katastrophe werden lässt.
    Man sah dem gesamten Ensemble die Bemühungen an, sich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Im Gegenteil. Mir schien, als ob sie gerade deswegen noch mehr power hatten.
    Sicher sind die personellen Veränderungen ungewohnt, aber trotzdem sollte dem neuen Ensemble eine Chance gegeben werden. Ich habe beide Versionen gesehen, und kann viel positive Dinge erkennen.
    Ein in sich sehr stimmiger Abend !!!

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