Où je vais – Amel Bent überzeugt

von Matthias Pohlmann am 23. Mai 2010

Amel Bent Ou je vaisNach “Un jour d’été” (2004) und “À 20 ans” (2007) legte Amel Bent mittlerweile bereits ihr drittes Studioalbum vor. Wie die erste Single so ist auch das Album mit “Où je vais” betitelt und wie schon beim Vorgänger stammen die meisten der Texte  und auch viele Melodien von Amel Bent selbst. Von Beginn an wird beim Hören des Albums klar, dass sich Amel Bent seit dem Vorläufer erneut weiter entwickelt hat, mit noch nicht einmal 25 Jahren kann sie auf drei sehr unterschiedliche Alben verweisen, die dennoch alle drei unverwechselbar “sie” sind. Davor kann man nur den Hut ziehen – ebenso wie vor der Qualität dieses dritten Studiowerks.

  • 1. Der erste Eindruck

Vom Start weg macht Amel Bents drittes Werk einen vollkommen runden Eindruck. Balladen und schnellere Nummern in einem guten Verhältnis – und jeder Song so, dass ihre herausragende Stimme im Vordergrund steht. Im Vergleich zum Vorgängeralbum “À 20 ans” fällt auf, dass – wiewohl “À 20 ans” nach wie vor zu meinen Lieblingsalben zählt – “Où je vais” einen Reifeprozess der Künstlerin manifestiert. Und wenn man unabhängig von irgendwelchen Rezensionen ein Album nach dem ersten Hören sofort nochmal (und nochmal und nochmal…) hören will, dann ist das gewiss nicht das Schlechteste aller möglichen Zeichen…

  • 2. Der kritische Blick

Lässt man sich genauer auf das Album ein, so fallen neben den wundervollen Melodien auch die starken Texte auf. Und unter diesen starken Texten ragen “Le mal de toi“, “Je ne suis pas elle“, “Forte“, “Famille décomposée” und “Un bout de papier” heraus – allesamt übrigens von Amel Bent selbst geschrieben. Kein einziger Song ist auch nur näherungsweise “Füllmaterial”, elf kleine Kunstwerke erfreuen den Hörer. Sollte “Où je vais” das erste Album sein, das auf u-kult.de die “vollen 10″ Punkte bekommt? Nach der “Haarspalterei” dazu mehr…

  • 3. Haarspalterei

Mais qu’est-ce que j’ai fait

Où je vais

Ce poème

Est un adieu à ce que j’étais

“Où je vais” – gleichzeitig auch die erste Singleauskopplung des Albums ist ein Ohrwurm par excellence. Innerhalb des Albums eines der schnelleren Stücke – und trotz seiner Ohrwurmqualitäten keineswegs trivial. Live übrigens, davon konnte ich mich ja in Yutz überzeugen, kommt dieses Stück überragend gut.

Car il y a ceux qui s’aiment

Car il y a ceux qui s’aiment

Et il y a ceux qui aiment

Cette idée là

Ein bombastisch daher kommendes Stück, wie man es bis dahin von Amel Bent nicht gewohnt war. Ungewohnt aber grandios (wiederum insbesondere live).  Eine Powerballade, bei der Amel Bent zeigt, dass sie eben mit ihrer Stimme auch gegen bombastischen Hintergrund leicht drüber kommt. Seit dem Livekonzert eines meiner ganz persönlichen Lieblingslieder.

Je ne suis pas elle

C’est ce qui vous gène

Je ne suis pas celle

Que vous vouliez qu’il aime

Mal abgesehen von dem netten Spiel mit elle und celle ist dieser Song auch melodisch wunderschön. Und einer, der am Ehesten noch auf das Vorgängeralbum gepasst hätte – stilistisch gesehen. Ohne dabei aber eine platte Kopie eines Stückes aus “À 20 ans” zu sein – es ist mehr eine Brücke zum Vorgängerwerk.

Yallah Yallah on y va

Yallah Yallah

On a besoin de toi l’amour

Völlig (von Amel Bent bisher) ungewohnte Töne schlägt das Stück “L’amour” an. Schnell, gut tanzbar und (das dann wieder weniger ungewohnt) sehr eingängig, ohne dabei zu einfach gestrickt zu sein. Und jedes Mal, wenn man das Stück hört, macht es gute Laune – und passt im Übrigen wunderbar zu Amel Bent und ihrer Stimme.

Moi j’avais des sentiments

Je croyais tellement

qu’avec du temps

Tu apprendrais

A te suffire de moi

Seulement l’amour a des los

Qu’un ne commande pas comme ça

Et toi tu ne m’aimais pas

Im Dreivierteltakt kommt Amel Bent hier mit einem kleinen Meisterwerk daher – textlich sehr traurig und in einer Art formuliert, die einen direkt packt. Kombiniert mit ihrer Stimme kann man da nur sagen: “Direkt ins Herz”.

Je me sens belle

Je me sens bien

Je veuy crier ma joie de vivre

Le temps d’un refrain

Je ne suis plus celle

Qui pour rien

Perdait tout confiance en elle

Tout ça c’est loin

Also würde es in den Credits nicht anders stehen, man wäre völlig überzeugt davon, dass dieser Text von Amel Bent selbst stammt (übrigens: Hier hat es eine nette Fast-Reprise der Zeile “Je ne suis pas [hier: plus] celle” aus dem Titel zwei Tracks zuvor). Wenn sie den Song auf der Bühne zum Besten gibt (als Einstieg in das Konzert), dann lebt sie jede Zeile – insofern ist die Vermutung wohl nicht allzu weit her geholt, dass sie an der Thematik dieses Liedes nicht ganz unbeteiligt war.  Wieder eine Uptempo-Nummer, die einfach richtig gut kommt.

Hou la menteuse, elle est amoureuse

War im letzten Album beispielsweise ein Song “feat. Panache” – so ist dieses Mal Kayline die Person, die für einen Song mit ins Boot geholt wurde. Wieder sofort im Ohr, textlich – je nach persönlicher Situation – amüsant bis treffend, das einzige kleine Manko an diesem Song ist, dass ich bisher keine Liveversion davon kenne – aber das kann nicht ernsthaft als Kritik am Song verstanden werden.

Je sais que je me relèverai

Mais j’aurai le mal de toi

Je sais que j’avancerai

Mais j’aurai quand même  le mal de toi

Je sais que je survivrai

Mais j’aurai toujours le mal de toi

Chaque jour je me lève

Avec le mal de toi

Textlich, wie schon oben erwähnt, einer der stärksten Titel des ohnehin starken Albums. Melodisch und stilistisch wieder einer, der noch am Ehesten mit den Tracks auf “À 20 ans” vergleichbar ist – sozusagen also die zweite Brücke zwischen den beiden Alben. Wieder direkt im Ohr, wieder dennoch keineswegs einfach gestrickt – auch wenn ich mich hier wiederhole…

Toutes les femmes aux quatre coins du minde

Même de l’ombre

Elles sont fortes

Wenn man in einem solchen Album überhaupt davon sprechen kann, dann befinden wir uns hier mitten im – noch bis zum Ende anhaltenden – Höhepunkt. Eigentlich, so denkt man sich hier, hätte dieses Album durchaus verdient, ein Welthit zu werden (was mangels größerer Anstrengungen von Seiten von Sony Music leider nicht passieren wird). Musikalisch eindeutig clubtauglich – und damit das perfekt an genau dieser Stelle passend.

Que seraient nos vies

Que seraient nos liens

Si on avait pris le même train

Je passe les nuits

Dans mon chagrin

A refaire nos vies

Jusqu’au matin

Die “Was-wäre-wenn”-Frage in Bezug auf eine “Famille décomposée” (getrennte Familien) gestellt – textlich wieder einmal ein Stück der Sonderklasse – mit der Stimme verbunden erneut “Mitten ins Herz”. Zum weinen schön, das Lied.

Un bout de papier

Un peu abîmé

Comme mes souvenirs

Des lambeaux de passé

Raccommodés

Font mes souvenirs

Zum Ende ihres Albums besingt Amel Bent einen Papierfetzen und die damit zusammenhängenden Erinnerungen. Ohrwurm sowieso, aber einer der Sonderklasse – und textlich wie oben bereits erwähnt ganz weit vorne. Schade nur, dass das Album an dieser Stelle dann schon zu Ende ist…

  • 4. Fazit

Zehn von Zehn Punkten - erstmals!Amel Bents Album “Où je vais” ist Ende 2009 erschienen. Und seitdem auch bereits ist diese Kritik fertig – bis aufs Fazit. Der Grund dafür ist nicht etwa, dass es irgendwelche Zweifel daran geben würde, dass dieses Album das ist, das mir bisher am Besten von allen gefallen hat. Sondern, dass ich mir nicht ganz sicher war, ob jetzt vielleicht doch der Punkt gekommen sein könnte, an dem u-kult.de erstmals volle 10 Punkte für ein Album vergibt. Nun, nach langem Überlegen, ist die Entscheidung gefallen – und sie fällt positiv aus. Das Album ist schlicht perfekt. Also soll (die “interne Sperre” für 10 Punkte ist ja auch abgelaufen) – es auch perfekt “benotet” werden. Da bleibt nur noch eins zu sagen: Merci, Amel!.

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